Die Krankennonne

Als Retter in allerhöchster Not am Abend stets umlagert von Kranken, Simulanten und solchen, die sowohl dies und das repräsentierten. Als richtig Leidender war man oft hilflos, da eigentlich nur allgemein bekannte Gebrechen anerkannt wurden, im Zweifel wäre ein Herzinfarktpatient oder sagen wir ein akuter Cholera-Fall nie und nimmer vom Unterricht befreit worden. Daher benutzten alle Insassen die gleichen, immer wieder funktionierenden Tricks. In meinem Beispiel war eine Mandelentzündung oft und erfolgreich ein dankbarer Hinderungsgrund, am beliebten Vokabelabfragespiel von Gödde oder Krüger teilnehmen zu können. (Zitat aus dieser oder einer anderen Zeit: "Willig, wo hast du dir nur diesen immensen Mangel an Sachkenntnis zugeeignet?). Der unerwünschte Erfolg war später die Einweisung in ein Krankenhaus zur Entfernung der lästigen Halsingredienzien.

Nachher dann, mit zunehmender Verrohung, übten wir uns im Vertilgen des Inhalts von ganzen Zahnpastatuben. Hohes Fieber und ungespielte Übelkeit sind und waren als Folge wirkliche Unterrichtskontraindikationen. Ich schiebe noch heute meinen außerordentlich nervösen Magen auf diese Ursache.

Reiben eines Fieberthermometers an der Bettdecke bis zur gewünschten Marke galt unter Insidern dagegen als höchst leichtsinnig, wenig reproduzierbar und damit nicht beweissicher. Diese Manipulationen wurden, einmal entdeckt, durch eine Kündigung der Freundschaft zur Krankennonne geahndet. Das Todesurteil!

Einmal, in einem Anfall von jugendlichem Leichtsinn, kamen mir Seitenstiche mit starken Schmerzen im Unterbauch in den Sinn. Fatal, konnte doch nur mit letzter Not eine erneute Operation und damit die Entfernung eines unwichtigen Fortsatzes des menschlichen Gedärms im naheliegenden Krankenhaus vermieden werden. Die Flucht aus dem Hospital indes fiel leichter als erwartet, waren doch, im Gegensatz zur gewohnten Behausung, keine hohen Mauern zu überwinden.

up